Gestern sagte jemand bei einem Gespräch über Sterbebegleitung: “Wir leben um zu sterben.” Aha. Ich halte das für eine äußerst steile These.

Wir leben. Wir sterben. Punkt. Was besseres ist der Evolution bis hier her nicht eingefallen. Das ist ok, denn uns als Evolutionsprodukt ist folgerichtig auch noch keine anderes funktionierendes System eingefallen.

Doch ganz sicher schließe ich aus diesem Umstand nicht, dass ich lebe, damit ich dann auch wieder sterben kann, weil ein grenzdebiler Gott Spass an einem menschlichen Bio-Hospitalismus hat.

Nein. “Ich lebe, weil ich weiß, dass ich sterbe.” Das ist schon was ganz anderes und wäre eine Definition, die zumindest mein “Ich” zum Logos macht. Ich lebe mit dem Wissen um meinen Tod, denn “der Tod ist die Befreiung und das Ende von allem Übel, über ihn gehen unsere Leiden nicht hinaus, der uns in jene Ruhe zurückversetzt, in der wir lagen, ehe wir geboren wurden” (Sencea)

Oder, wie Epikur den Nihilismus, mit dem man leben kann ausdrückte: “Ferner gewöhne Dich an den Gedanken, dass der Tod für uns ein Nichts ist. Beruht doch alles Gute und alles üble nur auf Empfindung, der Tod aber ist Aufhebung der Empfindung. Darum macht die Erkenntnis, daß der Tod ein Nichts ist, uns das vergängliche Leben erst köstlich. [...] So ist also der Tod, das schrecklichste der Übel, für uns ein Nichts: Solange wir da sind, ist er nicht da, und wenn er da ist, sind wir nicht mehr. Folglich betrifft er weder die Lebenden noch die Gestorbenen, denn wo jene sind, ist er nicht, und diese sind ja überhaupt nicht mehr da.”

Leider ist das gegen Ende dann doch nicht so einfach, denn diese Perspektive haben die Christen jahrhundertelang mit Erfolg zur Nischeneinsicht degradiert.

Die Christen erzählen, dass der Kapitalismus und der Konsum den Menschen schutzlos der Angst vor dem Tode ausliefert, weil beide zu Zerstreuung und Verdrängung führen und verschweigen dabei, dass sie, die Christen, es doch waren, die diese Angst seit Jahrhunderten pflegten, in dem sie die Ewigkeit als zu erstrebendes Gut in einem sehr wohl auch kapitalistischen Sinne einführten und mit Verlustängsten operierten. Der Klientel erzählt man aber, dass die Angst vorm Tod erst durch den Jenseitsglauben erträglich gemacht wird. Ich nenne es Moralkapitalismus.

Die Sache hat ja obendrein dann auch noch einen Haken, denn es steht noch ein “jüngstes Gericht” an. Also, das ist dann wohl das berühmte Kleingedruckte: Wie die Sache mit der Ewigkeit ausgeht – oder eben nicht – ist nicht gewiss. Keine Gewähr auf ein entspanntes ewiges Leben. Toller Deal. Wem’s gefällt – von mir aus. Für mich hört es sich entweder nach unerträglicher Langeweile oder aber nach Willkür an. Nein, danke.

Ich bin das, was ich jetzt bin. Ich lebe in der Zeit und durch die Zeit. In einer zeitlosen Ewigkeit bin ich nicht ich. Meine Seele alleine ist nicht ich. Ich sterbe, irgendwann, und bin nicht mehr, also lebe ich jetzt. So einfach ist das. Falls die Vergangenheit keine Fiktion ist:

Ticktocknihilismus

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