Virtuell manifestiert
("Virtuell manifestiert" – Schapernack und Unvuuck #10, jo jmatic, 2009)

Ziemlich bekannte Menschen im Internet, man könnte sie auch Netzprominente nennen, haben 17 Behauptungen aufgestellt und sie Internet-Manifest genannt.

An den Reaktionen auf diese 17 Absätze kann man zunächst folgendes ersehen: Sie sind wirklich prominent und haben mit Abstand die besten “Einschaltquoten” im Netz.

Prinzipiell zeigt mir dies auf jeden Fall, dass “das Netz” mithin genauso funktioniert, wie die analoge Öffentlichkeit: Ein polarisierungsfähiges Individuum, oder eine Gruppe davon, schmeißt den Leuten etwas Provokantes vor die Füsse und los geht die Hatz. Da wird von der verunglückten Floskel bis hin zum Prädikat “revolutionäre Nullsätze”, jede Form von Kritik und Häme an den Start gebracht. Neider und Wadnebeißer gibt’s eben auch überall. Nebenbei: Insofern ist ein Teil der Thesen auch schwuppsdiwupps schon bestätigt.

Ja, auch ich hab’ das Manifest gelesen und habe Sätze wie “Das Internet ist anders.” nicht beschwerdefrei schlucken können. So ein Satz ist schlicht ein schlechtes Transportvehikel für den zu antizipierenden Inhalt. (Siehe These #1):

1. Das Internet ist anders.

Es schafft andere Öffentlichkeiten, andere Austauschverhältnisse und andere Kulturtechniken. Die Medien müssen ihre Arbeitsweise der technologischen Realität anpassen, statt sie zu ignorieren oder zu bekämpfen. Sie haben die Pflicht, auf Basis der zur Verfügung stehenden Technik den bestmöglichen Journalismus zu entwickeln – das schließt neue journalistische Produkte und Methoden mit ein.

Statt “anders” sollte dort zumindest mal “neu” stehen, dann ergibt diese These auch einen Sinn und klingt nicht so pomadig elitär. Genau dies ist auch der nächste starke Kritikpunkt: Diese Thesen wurden von Menschen geschrieben, die im Netz “leben”, die das “Web 2.0” mitgestaltet oder zumindest bis hierher aktiv mitbegleitet haben. Deshalb sehen sie es vermutlich auch durch einen Filter aus einer etwas verzerrten Perspektive. Die Kritik am Manifest innerhalb dieser Erfahrungsgalaxie gibt’s dann auch hier zu lesen: 17 Behauptungen.

Ich will hier nur mal auf einen anderen Punkt genauer eingehen:

Für die Mehrheit der Menschen in der westlichen Welt gehören Angebote wie Social Networks, Wikipedia oder Youtube zum Alltag. Sie sind so selbstverständlich wie Telefon oder Fernsehen.
(aus Punkt 3 des Internet-Manifest)

Dieser Satz ist auf den ersten Blick einleuchtend, auch für mich – aber er ist falsch! Warum?

Dazu muss man etwas ausholen:
Ich veröffentliche auch täglich im Netz, auch ich lebe das “Web 2.0”. Ich habe aber andere Zielrichtungen und Prämissen als die Meinungsführer aus Berlin und den Metropolen gerne vorgeben: Superviele Follower und irgendwelche Blogcharts und Linkjuice sind nicht mein Ziel. Ich tue nicht alles nichts für diese “Qualitätsmerkmale”. Der Kreis, der meine Ergüsse im Netz verfolgt, ist relativ klein und ich nehme z.B. in diesem Blog keine Rücksichten auf Verständlichkeit und Konsens, und (!) in einem anderen Blog keine Rücksichten auf die technische und inhaltliche Speerspitze des “Web 2.0”.

Den ersteren Fall habe ich schon erläutert und der zweite Fall ist der eigentlich interessante, denn ich schreibe überwiegend für Menschen, die mit diesem “Web 2.0” noch ganz und gar nix am Hut haben. Menschen, deren Realität und Wahrnehmung des Internet eine völlig andere ist, als die der Berliner-”Web 2.0”-Leute. Es stimmt schlicht nicht, dass dieses “social” Internet schon Alltag und damit schon reif dafür ist das(!) Medium der kommenden Basis-Demokratie zu sein!

Ebenso leuchtet mir nicht ein, warum ich diese Menschen für z. B. Twitter begeistern soll. Twitter aka Microblogging ist bisher nur ein schreiendes, störrisches Kind, mit Hang zum sinnlosen Blubbern. Zugegeben, ein Kind mit unglaublichem Potential und Talent, aber eben bisher nur ein schnellwachsendes Balg. Talent ist nichts ohne Training, Anleitung und Erziehung, und die müsste doch dann bitteschön ersteinmal innerhalb der “Web 2.0″-Gemeinde stattfinden, bevor eine, im besten Sinne konservative Klientel, damit konfrontiert werden sollen. Vorschnelle Urteile á la Schäuble und von der Leyen gibt’s doch jetzt wirklich schon genug.

Hier, in meiner ländlichen Gegend ist “Wer-kennt-wen” die(!) “Social Community”, aber was passiert dort an Bewegung und Meinungsbildung und “Web 2.0”? Nix!

Nichts, weil die Menschen diesen Dienst hier im ländlichen Raum überwiegend nur dazu nutzen, kosten- und aufwandsgünstig alte Bekannte zu finden, und weil eine recht große Kleinveranstaltergruppe diesen Dienst für kostenlose Veranstaltungswerbung nutzt. Ansonsten ist WKW die größte Bahnhofskneipe im Südwesten, mit allen Klischees, die man sich vorstellen mag. Dort werden regelmäßig virtuelle Riesenballons aufgeblasen, die regelmäßig platzen und genau das hinterlassen, was auch ihre realen Pendants hinterlassen: Heiße Luft. That’s it. Das einzige was wirklich von Interesse ist, ist transportierbarer Mehrwert – in Form von Terminen – für’s reale Leben am Wochenende!

In der nächst größeren Stadt gibt’s ein ansprechend frequentiertes, gutes Blog, in dem wohl welche Inhalte vermittelt werden? Lokale News und Aufreger. Natürlich! Ja, was denn sonst?

Will solch ein Blog für seine Betreiber Sinn machen, muss es die Menschen begeistern, die mit Begriffen wie “Web 2.0” und Twitter etc. nix am Hut haben. Es muss einen augenblicklichen Mehrwert neben(!) der Papierpresse bieten. Es muss einen augenblicklichen Mehrwert auch für den Typ Mensch generieren, der die Web-Adresse noch per Hand in den Browser eingibt und dabei nicht weiß, was das ist. Alles andere wäre “Rudelwichsen” für die paar Surfer, die’s in jeder mittelprächtigen Kleinstadt sowieso gibt.

Es gilt hier eben nicht: “Links sind Verbindungen. Wir kennen uns durch Links. Wer sie nicht nutzt, schließt sich aus dem gesellschaftlichen Diskurs aus.”

Das Gegenteil ist auf dieser eben beschriebenen Ebene der Fall: Wenn sich die paar Surfer in einer Kleinstadt wie Bad Kreuznach nicht der Gesellschaft öffnen und deren Bedürfnisse nicht im lokalen Netz zu Mehrwert umwandeln, dann schließen sie sich vom gesellschaftlichen Diskurs aus. So sieht’s eben auch aus.

Ich sage ja gar nicht, dass die Absichten und Thesen der Großstädter grundfalsch sind, aber sie sind auch (noch) nicht umfassend genug für uns “Menschen vom Land”. Würde man auf dieser Ebene hier mit dieser Chuzpe an die Presse herantreten, sie wäre zu Recht angepisst, denn sie leistet schon jahrzehntelang einen Service und entfaltet eine Wirkung, die das Internet lokal noch nicht bieten kann. Gesellschaft findet eben auch auf lokaler Ebene statt, und dort ist das Netz noch nicht omnipotent und bereit für basisdemokratischen, kostenlosen Journalismus und den gewünschten , gerne bezahlten Qualitätsjournalismus. Das “Virtuelle” sollte hier auf’s “Reale” zugehen, nicht umgekehrt. Die Geldverdiener gehen eh auf’s Virtuelle zu, so bald die Chance monetär zu punkten in Sicht ist. Das funktioniert auch lokal, siehe die junge Weingilde.

Nennt man es schon “Internet-Manifest”, dann möchte ich kleiner surfender Landbewohner mich auch darin wiederfinden. Ich wollt’s nur mal für mich virtuell gesagt haben, und ich beanspruche für mich ebenso wie die “Manifestierer”, noch nicht alles zu Ende gedacht zu haben.

Danke.

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