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Tür #20
Je komplexer und komplizierter ein System ist, desto mehr bedarf es der kritischen Analyse, der Koordination und der Integration aller, die sich in diesem System befinden.
Der Einzelne fühlt sich solchen Herausforderungen gegenüber oft hilflos, orientierungslos und schwach. Er sucht in der Folge nach Wahrheiten, Lösungen und festen Standpunkten.
Mystizismus und Religionen boten den Menschen seit Jahrtausenden Orientierung und feste Standpunkte. Allerdings in einer Welt, die immer lokal begrenzt war. Weder Wirtschaft, noch Politik erlegten Fragen von globalem Maßstab auf. Das Wohlergehen des Einzelnen konnten Stammesfürst und Medizinmann (oder Schamane), konnten König und Bischof nach ihrem Gutdünken und ihrer jeweilige Interpretation von Gottes Willen regeln.
Da der Mensch als Art aber strebt, forscht, expandiert und erschafft, wurde dieses Korsett im Laufe der Geschichte zu eng. Die Wissenschaft schuf per Erkenntnis, die von Staaten und Wirtschaft in Realität umgesetzt wurde, eine neue Welt (siehe Tür #15 – 19), die die Menschen rund um den Globus enger zusammenführte und damit auch ihre unterschiedlichen Kulturen, Ansichten und Lebensweisen.
Doch nicht nur das Korsett und die ausgetretenen Pfade der Religionen wurde vielen Menschen zu eng, sondern auch Wirtschaft, Wissenschaft, Medien und Politik verursachen heftige gedankliche Turbulenzen:
Die Wissenschaft, die in weiten Teilen abhängig am Tropf der Wirtschaft hängt, wird auch nur Ergebnisse produzieren, die ihren Geldgebern genehm oder nützlich sind. Sie ist aber auf keinen Fall frei und kreativ oder in der Lage, das wahrhaft “Undenkbare” zu denken.
Die Politik hadert beständig mit objektiven Wahrheiten. Ihr Wesen ist die Macht und deren Erhalt. Sie muss populär sein, um verstanden zu werden, in einer Zeit, in der Menschen das Prinzip “Ich habe keine Zeit.” leben. Sie muss Mehrheiten suchen, wo das Populäre schnell Mehrheiten bildet. Sie soll langfristig denken und wirken, was sie aber dann häufig nicht mehr kann, weil sie damit eben damit beschäftigt ist kurzfristig populäre Mehrheiten zu suchen.
Die Wahrheit der Wirtschaft heisst Gewinn und heute spezieller “Gewinnmaximierung”. Auch das ist ein Frage von Macht, von Marktmacht. Sie wird genutzt um Bedarf gegen Geld zu decken. Paradoxerweise oft Bedarf, der vorher erst geweckt wurde. Wir haben einen Handel kultiviert, der mittlerweile teilweise abgelöst von realen Produkten und realer Arbeit nur noch Handel um des Handels Willen ist.
Das Geschäft der Medien ist die Information. Doch die Information muss nicht unbedingt Wahrheit sein, sie muss sich nur verkaufen lassen. Verkaufen lässt sich aber nur Information, die unterhält. Für die Wahrheit schafft das die hohe Hürde, dass sie auch in irgendeiner Form unterhaltsam sein muss, denn sonst hat sie in diesem System keine Chance.
Über all diesen Feldern schwebt, und all diese Bereiche durchdringt heute die faktisch existierende Weltordnung des Kapitalismus, die allem obendrein den Stempel der Käuflichkeit aufdrückt und die alle diese Elemente miteinander verwebt.
Alles in allem also ein wirklich ziemlich kompliziertes System, bei dem sich der Gedanke aufdrängt, dass das Wahre, das Nachhaltige (leider ein mittlerweile abgedroschenes Wort), das Wertige nur schwerlich noch zu entdecken ist.
Zurück zum Anfang: Der einzelne Mensch fühlt sich ohnmächtig im Angesicht dieser Mechanismen und der unglaublich tiefgreifenden Vernetztheit der heutigen Herausforderungen. Was kann der Weg aus der Falle der selbst erschaffenen Scheinwahrheiten und unbefriedigenden Realitäten sein?
Könnte es sein, dass es über Dialog und Vernunft möglich ist?
Könnte es die …
- Vernunft sein, den Dialog unter Menschen zu suchen, die nach unterschiedlichen Lebensentwürfen in philosophischer und religiöser Hinsicht leben? Könnte es dann der Dialog zwischen den Weltreligionen werden, der auf den gemeinsamen Nennern aufbaut und bereit ist Dogmen aufzulösen?
- Vernunft sein, die eigenen Meinungen, Ansichten und Urteile im Dialog auf den Prüfstand zu stellen? Könnte man einfach mal davon auszugehen, dass die eigene Sicht der Dinge nur eine unvollständige ist?
- Vernunft sein, das Unerwartete als Möglichkeit in Betracht zu ziehen? Oder aber dort Bewegung zu erwarten, wo scheinbar keine Bewegung möglich ist? Kann es möglich sein, das Utopische trotzdem als Ziel zu formulieren und anzugehen?
- Vernunft sein, das eigene Sein über das Haben zu stellen? Oder aber anders gesagt, die eigenen materiellen und immateriellen Werte neu zu ordnen?
Könnte es im Prinzip so simpel (nicht einfach!) sein, das unglaublich komplizierte Geflecht unserer globalisierten Existenz neu zu gestalten?