2534092644 cc17368954
Cleaning Stoneage Graffiti – via http://www.flickr.com/photos/james_nash/2534092644

Provokante These:

Der moderne, urbane Mensch ist von seinen frühzeitlichen Stammeswurzeln weniger weit weg, als er glaubt:

Er nomadisiert in Großstädten von Wohnhöhle zu Wohnhöhle und nennt seine Höhlenmalereien Grafitti. Die Jagdgründe und Weiden der modernen Jäger- und Sammlerkultur nennt er “Supermarkt” und “Selbstbedienung”.

Individualität wird dem Stamm untergeordnet, wenn die Stammesriten abgehalten werden, die der moderne Mensch zum Beispiel “Flashmob” nennt. Es zählt nicht der Einzelne, es zählt das Aufgehen in der Stammesgemeinschaft.

Das Stammespowpow in der Geisterwelt nennt sich “Twitter”, und die Medizinmänner und Zauberer tragen den reichhaltigsten Schmuck – sie nennen ihn “Follower”.

Sie kennen die Zauberworte zur Beschwörung in der Sprache “Web x.0″. Worte, wie “mobil” und “Social-Community”. Ihre Masken und Bemalungen heißen “Avatar”, und ihre Beschwörungsformeln “Tweets”.

Die Stammesältesten und -häuptlinge palavern derweil über die neue Zeit, ebenso wie die Indianer damals über den weißen Mann: Sie palavern über eine Welt, die sie nicht kennen und von deren Einfluss auf die eigene Kultur und ihre Zukunft, sie sich nicht im Mindesten eine Vorstellung machen.

Weshalb sie fatale Entscheidungen treffen oder die Existenz des Problems schlicht ignorieren wollen. Die jungen Stammesangehörigen wenden sich darum ab und suchen wiederum Mut und Erleuchtung in der Geisterwelt.

Die Völkerwanderungen der Frühzeit sind lächerlich in ihrem Umfang, verglichen mit den Wanderungsbewegungen, die heute tagtäglich zwischen Städten, Ländern und den Kontinenten stattfinden.

Der moderne Nomade ist wieder mobil, wie sein frühzeitlicher Jägervorfahre. Was er an digitalem Werkzeug und Waffen braucht, wurde auf tragbare Ausrüstungsgröße zusammengestaucht und heißt “Handy”, “Netbook”, “iPhone” oder “Blackberry”.

Die Sklaven der Neuzeit wurden in Übersee gefunden und brauchen gar nicht mehr verschleppt zu werden, denn die Ausbeutung kann vor Ort stattfinden.

Der Glaube der Neuzeit nennt sich “Kapitalismus” und “Fortschritt”, und er hüllt sich in einen grobmaschigen Überwurf, der “Demokratie” genannt wird. Die Hohepriester dieses Glaubens regieren in werbefinanzierten Firmen-Kathedralen inmitten des Stammesgebiets.

Die launischen Götter der Neuzeit heißen “Kapital” und “Wirtschaft” und müssen fortwährend besänftigt werden, denn man weiß nie, wie sie reagieren. Die Hohepriester bringen ihnen in den Tempeln, die sie “Börse” nennen fast täglich Opfergaben in Form von Arbeitsplätzen.

Alles übertrieben? Zu holzschnittartig? Zuviel Interpretation?

Schon möglich.

Ähnliche Artikel:

  • Share/Bookmark