RLP Tag Bad Kreuznach

Da war er vorbei, der RLP-Tag in Bad Kreuznach. Bunte Lichter mit viel Qualm im Himmel, von denen man mir sagt, sie würden “Vielen Dank. Wir danken Euch. Wir danken uns. Toll, dass wir alle da waren. Kommt gut nach Hause. Der RLP-Tag ist vorbei. Schluss mit lustig. Morgen ist Montag. Seit nett zu Euren Nachbarn. Man sieht sich.”, bedeuten.

Wahnsinn, was man alles aus explodierendem Schwarzpulver lesen kann. “Na gut.“, sagt man sich, glaubt nach den letzten drei Tagen den Veranstaltern sowieso alles, trinkt die letzten Weinchen und Bierchen, und wankt zufrieden-fußkrank nach Hause.

Doch was war vorher?

Ganz am Anfang war erst mal gar nichts, denn ich hab’ mir unter dem RLP-Tag folgendes vorgestellt: Nix.

Das fand ich unglaublich clever von mir, denn so konnte ich auch nicht enttäuscht werden. Desweiteren sagte ich mir: “Sei auf alles gefasst.” Auch das ist eine von mir in langen Jahren erfolgreich praktizierte Haltung, die ich nur empfehlen kann.

Derartig mental aus- und hochgerüstet, betrat ich schon am Freitag – vorm eigentlichen Beginn – den Ort des Geschehens und inspizierte, wie ein General vor der Schlacht, das Schlachtfeld, und bemerkte ziemlich schnell: “Wow! Das wird hier mindestens Kindergeburtstagseskalation-Stufe III.” (Menschen, die Kindergeburtstage kennen, erkennen an dieser Stelle: Hier wird’s laut, stressig, lustig, unberechenbar, und Deine Klamotten kannst Du hinterher vergessen).

Gut, dass Polizei zugegen war. Das vermittelte ein Gefühl von Sicherheit in Grün und Blau, wie man es sich sympathischer kaum vorstellen kann:

Das meine ich durchaus im Ernst, denn neben all den tausenden Eindrücken vom RLP-Tag, muss ich unbedingt mal unsere Freunde in den bald-nicht-mehr-aber-immer-noch-ein bisschen-grünen Uniformen loben: Das war ein äußerst sympathisches Auftreten – in vielerlei Formen – in diesen Tagen. Das war wirklich gute, funktionierende und überzeugende Werbung:

Und was man alles lernen konnte!? Mein Sohnemann erwies sich als perfekter Sensationensucher, denn er hatte sofort einen Knaller für mich parat:

Aufgepasst jetzt: Der Meister Eder, heißt in RLP gar nicht Meister Eder, sondern Meister Werner! Und außerdem arbeitete der schon, als Landesvater Kurt Beck noch nicht mal die Backstage-Fingergymnastik für den Start-Countdown zum RLP-Tag beendet hatte:

Wobei ich zur Eröffnung sagen muss, dass der Herr Beck, da vielleicht nochmal fingertechnisch üben muss: 5,4,4,2,1,0 (mal reinschauen bei Minute: 1:57) kann man zählen, aber nur wenn keine Kinder anwesend sind. Gelle.

Knuffig ist ja auch der Oberbürgermeister Ludwig: Er ist nicht gerade die hochdeutsche Eloquenz in Reinkultur (um das mal so zu sagen), aber dafür freut er sich halt immer wie Bärchen. Das is’ doch auch was.

Ich sag’s gleich: Auf der Suche nach den großen Attraktionen und den Cover-Bands war ich nicht. Foreigner etc. musste ich nicht haben. Ich war vielmehr auf der Suche nach dem Neuen und Überraschenden, und hatte am Freitag gleich zweimal Glück, denn da waren zunächst die Jungs von der Europe US-Army Band, die wirklich saugut waren und auf der wunderschönen lokalen Bühne spielten:

… und dann war da noch Weizkornbrot aus Sohren, die auf der extravaganten Bühne vom Kreisjugendring Kreuznach spielten:

Das war top! Punk at it’s best. Die Ärzte, wie sie angefangen haben, und wie man sie sich heute nochmal manchmal wünschen würde. Die Jungs haben alles gegeben, und das Herz des Rock’n Roll schlug an diesem Freitagabend des RLP-Tags genau hier, auf dieser kleinen Bühne. Ich schwöre. Mann, war ich froh, dass ich dort vorbei gestolpert bin. Mein Lieblingssong: “König Gummipfropfen”.

Auch die großen Bühnen und all die anderen tollen Attraktionen, die man garantiert in den nächsten Tagen auf dutzenden von lokalen Seiten in und um Bad Kreuznach bestaunen können wird, waren nicht meine Highlights, sondern die kleinen Ecken, die mir diesen RLP-Tag so sympathisch gemacht haben:

Dies hier (oben) war ein Stillleben oder gar eine Zeitblase besonderer Art: Direkt neben dem Weindorf und unweit zigtausend vorbeiziehender Menschen, sitzt man, gemütlich ein paar kühle Stubbi zischend und ein lockeres Liedchen mit dem Akkordeon schmetternd. Danke, (an wen auch immer), dass es so etwas gibt.

Rheinland-Pfalz hat “eine” Identität, sagte der Herr Beck (ab Minute 5:06). Ich frage ich mich da allerdings: Wer braucht das? Ich glaube, dass RLP eine Menge Identitäten hat, und dass gerade das doch ein unglaublicher Reichtum ist. Ich kann meine Theorie sogar beweisen:

In RLP gibt es Unterwasser-Hochstapler/innen – und das ist sogar pädagogisch wertvoll – und faszinierte die anwesenden rheinhessischen Kinder (dialektproofed) … und mich, den spießbraten-sozialisierten Idar-Obersteiner (vom Dialekt sage ich jetzt mal nix). Na, wenn das nicht eine RLP-Multi-Kulti-Identität ist, dann weiß ich nicht …

Hatte ich eigentlich schon erwähnt, dass mir schon am ersten Tag die Füße weh taten? Nein!? Sie taten. Was eigentlich gar nicht so schlecht war, denn so war ich dann am zweiten Tag ja schon dran gewöhnt.

Mein musikalischer Findling am zweiten Tag war Demi Evans & the Hands, die einen unglaublich relaxten Blues-, Soul- und Jazz-Mix ablieferten. Dafür brauchst Du kein Licht, keine Mörderbühne, keine Sonnenbrillen-Moderatoren. Dafür brauchst Du nur ein Glas Wein, einen Sitzplatz, ein wenig Sonne und geschlossene Augen. Traumhaft.

Der junge Mann im Vordergrund tut gerade unglaublich viel für seine weitere musikalische Sozialisation, ohne dass er es weiß. Ist das nicht faszinierend?

Hatte ich schon erwähnt, dass ich ziemlich begeistert von diesem RLP-Tag war, obwohl meine Füsse auf mich wirkten, wie ein Satz runderneuerter Reifen nach zwei Wintern!?

Das Herz des Rock’n Roll schlug aber an diesem Tag für mich hier:

Boppin’B: Diese Jungs wissen definitiv, wie man den Rock’n Roll spielt. Da muss man gar nicht viel mehr sagen, denn wenn man so einen sagenhaft simplen, aber werbewirksamen Schlachtruf, wie: “Scheißkapelle!”, sein eigen nennt, dann darf der mittlerweile marathonfähige RLP-Tag-Wanderer wohlwollend einen derben Mutterwitz und reichlich Bühnenerfahrung diagnostizieren.
Danke, Scheißkapelle.

Hatte ich schon erwähnt, dass meine Füsse höllisch schmerzten? Was in diesem Augenblick …

… aber nicht so wichtig war, denn der ASB hatte die Welt meines Sohns gerade komplett auf den Kopf gestellt. Was die alles können …

An dieser Stelle mal meinen versammelten Respekt für die ganzen ehrenamtlich tätigen Frauen und Männer: Wo man auch hinschaute sah man engagierte Menschen. Das macht auf ein Kind mehr Eindruck als drei Jahre Sozialkunde. Cool.

Bilder vom Umzug wird man wahrscheinlich auch massenhaft im Netz zu sehen kriegen. Die Attraktionen werden sicherlich von zahllosen Profis abgelichtet worden sein. Drum beschränke ich mich auch mal konsequent auf das kleine Zugeinmaleins und die etwas andere Perspektive. Was muss man bei solchen Umzügen? Richtig! Essen:

… und trinken:

… und immer ein Kohlblatt zwischen sich und der Sonne vorrätig haben:

Abschließend gab’s dann zu meinem persönlichen RLP-Tag noch ein unerwartetes, nicht eingeplantes Highlight: Die Robbie Williams Coverband. Glücklicherweise war der Auftritt der Band nicht so brachial einfallslos wie ihr Name. Ganz im Gegenteil: Ich bin kein RW-Fan, aber diese Truppe war saugut, und ich weiß wovon ich rede.

Die Mucke wurde souverän und frisch dargeboten – das darf man erwarten – aber der Frontmann schaffte tatsächlich die hohe Kunst des Coverns, indem er auf dem schmalen Grat zwischen exakter Kopie und augenzwinkernder Persiflage wandelte. Respekt. Das war einfach nur saugute Unterhaltung.

Ja, war ganz schön schön, der RLP-Tag. Ich hab’ ja nur einen kleinen Teil mitgekriegt – das verrät mir der nachträgliche Blick auf’s Programm, aber selbst das war schon eine Menge. Vielen Dank auch an die netten, nun nicht mehr fremden, Menschen und die netten kleinen spontanen Unterhaltungen bei Konzerten, Umzug, etc. die sich allenthalben ergeben haben. Gegen meine Gewohnheit, habe ich auch mal richtig viel fotografiert geknipst und werde davon bestimmt vielleicht noch einiges bei Ipernity zur Schau stellen. Schaun mer mal.

Noch was philosophisches: Rheinland-Pfalz ist ein politisches Kunst-Produkt. Das wird auch immer so bleiben. Natürlich. Doch wen sollte es stören, wenn man so gut miteinander auskommt. Lasst die Politeusen halt reden, von Identitäten und Einheit und trallala. Die kriegen da Geld für. Wir sind das …

Hatte ich schon erwähnt, dass meine Füsse noch irgendwo in Kreuznach rumstehen müssen. Ich spür’ sie nämlich nicht mehr.

PS: Der rote Teppich vorm Bahnhof war ja auch cool:

Aber sagt jetzt bitte nicht, dass der von Kreuznacher Hausfrauen vorher geklöppelt werden musste!?

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